Aktuelles Heft Concilium

58. Jahrgang - Heft 3 | Juli 2022

Kontextuelle Zugänge zur Bibel

Bernardeth Caero Bustillos, Antony John Baptist, Margareta Gruber und Esther Mombo

Die Auslegung der Bibel ist so alt wie die Bibel selbst. Spätere Texte beziehen sich auf frühere, interpretieren sie in neuen Kontexten und geben ihnen so eine neue Bedeutung. Die Autoren des Neuen Testaments verstehen sich auf vielerlei Weise als Interpreten der Schriften des Alten Testaments auf die sie sich beziehen. So gesehen ist die Bibel ein einziger Interpretationsraum für die religiöse Erfahrung der Gläubigen Israels und der frühen Christen. Dieser Prozess setzt sich sowohl im rabbinischen Judentum als auch im frühen Christentum fort und reicht bis in unsere heutige globalisierte Zeit. Biblische Texte werden ständig aktualisiert, indem die Menschen sie aus der Perspektive ihrer kontextuellen Realitäten und der Bedeutung, die sie diesen Kontexten geben, neu lesen.

Die konkrete kontextuelle Realität, die den Hintergrund bei der Interpretation eines biblischen Textes bildet, spielt nicht nur für die praktisch-pastorale Auslegung der Bibel, sondern auch für theoretische und theologische Untersuchungen biblischer Texte eine entscheidende Rolle. Theorie und Praxis sind eng miteinander verbunden, insbesondere wenn es um die Vermittlung einer Botschaft geht.
Ein wichtiger Beitrag zur Theorie und Praxis der Bibelauslegung ist zweifellos das Dokument der Päpstlichen Bibelkommission Die Interpretation der Bibel in der Kirche von 1993. In diesem Dokument werden verschiedene Methoden der Bibelauslegung erörtert, einschließlich einiger kontextbezogener Zugänge zur
Bibel wie etwa befreiungstheologischer und feministischer Ansätze. In den vergangenen Jahrzehnten ist der kontextuelle Zugang zur Bibel in der globalisierten Welt immer wichtiger geworden, denn der biblische Text kann von seinen Leserinnen und Lesern nur aus dem Kontext ihrer Lebenswirklichkeit heraus interpretiert werden. Wir können über Gott und die Menschheit nicht getrennt voneinander nachdenken. Aus paulinischer Sicht schreibt Rudolf Bultmann: »Jeder Satz über Gott ist zugleich ein Satz über den Menschen und umgekehrt.« Daraus folgt: »Der gesamte Prozess der Interpretation der Schrift in der Kirche ist also ein Lebensprozess, in dem der Exegese zwar ein wichtiger Part zukommt, aber eben nur ein Part unter anderen.«
Der Ausgangspunkt für einen kontextuellen Zugang ist die Suche nach der Verbindung zwischen dem Text und der Lebenswirklichkeit der Leserinnen und Leser. Hier verbindet sich die Bibel mit der spirituellen Erfahrung. Der Sinn des Textes wird nicht nur in der Absicht eines biblischen Autors gesucht, die hinter dem Text liegt (historisch-kritische Exegese) oder in der Absicht, die im Text steht (Literaturwissenschaft), sondern auch im Leser, der vor dem Text steht. Das bedeutet, dass die Auslegung kein schrittweises Studium von Bibelstellen ist, sondern ein Dialog, in dem alle Gesprächspartner gleichrangig und gleichberechtigt sind: »Die zunehmende Pluralität der Studien zur Endfassung der Texte hat zu der Erkenntnis geführt, dass die heutige Bibelauslegung als Ganzes besser im Sinne einer ›Tri-Lektik‹ zwischen Autor, Text und Leser zu beschreiben ist, als im Sinne einer Dialektik zwischen Synchronie und Diachronie.« Aus exegetischer Sicht muss bei dieser Vielfalt von Entwicklungen, Ansätzen und Lesarten die Frage nach den »Grenzen der Interpretation« (Umberto Eco) im Auge behalten werden. Deshalb muss die Vielfalt der biblischen
Interpretationen von einer sorgfältigen hermeneutischen Reflexion begleitet werden. Auch interdisziplinäre Forschung kann dabei helfen, Brücken zwischen dem Text und der aktuellen Realität seiner Leser zu bauen. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen möchte die vorliegende Ausgabe von CONCILIUM in die Ziele und die Bedeutung der kontextuellen Bibelinterpretation einführen und sie anhand ausgewählter Beispiele vorstellen.
Peter-Ben Smit, Klaas Spronk und Kirsten van der Ham beginnen mit der Darstellung der theoretischen Grundlagen für die kontextuelle Interpretation. Sie gehen dabei von den drei klassischen »loci theologici« aus: Schrift, Tradition und Ekklesiologie. Wenn die Bibel die verdichtete Form der Erfahrung mit Gott ist, wie sieht es dann mit neuen Gotteserfahrungen aus?, fragen sie. Sie plädieren auch dafür, alte Worte in neuen Kontexten zu lesen und sowohl die akademischen als auch die intuitiven Ansätze zur Bibelauslegung ernst zu nehmen.
Die zweite Abteilung in diesem Heft umfasst drei Artikel, die in postkolonialen Kontexten verfasst wurden und sich somit säkularen Herausforderungen stellen. Demetrius K. Williams geht von den Memoiren des freigelassenen afrikanischen Sklaven James Gronniosaw aus und zeigt, wie die Bibel, die rassistisch gelesen wurde, durch die kontextuelle Auslegung dazu gebracht wurde, antirassistisch zu sprechen, sodass sie die Einheit, Gleichheit und Würde der Menschen stärkte.
Bernardeth Caero Bustillos geht davon aus, dass die indigenen Völker Südamerikas es im Laufe ihrer Geschichte verstanden haben, die Bibel in Bezug auf ihre Lebenswirklichkeit neu zu lesen. Trotz der Wunden der Kolonialzeit, in der die Bibel nicht als Botschaft vom Leben in Fülle wahrgenommen werden konnte, bringen die indigene Theologie bzw. die amerindianischen Theologien biblische Texte mit ihren Kämpfen für soziale und Schöpfungsgerechtigkeit in Verbindung. Das demonstriert Caero Bustillos anhand einer Analyse von Johannes 10,10. Das Bibelstudium aus der Perspektive indigener Theologie bzw. amerindianischer Theologien ist immer noch ein randständiges Gebiet, gewinnt aber immer mehr Aufmerksamkeit.
Der Aufsatz von Samuel Kapani verortet die »Tribale Bibelinterpretation« im Kontext der subalternen Interpretation. Obwohl das Wort »Stamm« der biblischen Welt der Stammesgemeinschaften vertraut ist und einige Ähnlichkeiten mit dem Ethos der Stämme in Indien aufweist, bezieht es sich hier auf die 705 »registrierten Stämme«, die 8,6 Prozent der indischen Gesamtbevölkerung ausmachen. Ihre Lektüre der Bibel aus ihrem kulturellen Kontext heraus ließ sich zunächst von den beiden Schwesterhermeneutiken inspirieren, nämlich der Befreiungstheologie aus Südamerika und der Dalit-Theologie auf indischem Boden, entwickelte aber später ihre eigene »Tribale Hermeneutik«, die durch die Transformation des Selbst und der Gemeinschaft, den Dialog und die Synthese von Kulturen und Traditionen gekennzeichnet ist.
In einer dritten Abteilung in diesem Heft finden sich Aufsätze, die sich mit der pastoralen Arbeit und der Multiperspektivität der gegenwärtigen Schriftauslegung befassen. Ma. Maricel S. Ibita von den Philippinen stellt die Methoden der Narrativen Kritik, der Ökologischen Hermeneutik und der »Normativität der Zukunft« vor und zeigt, wie sie in der Pastoral der christlichen Basisgemeinden eingesetzt werden können. Anschließend wendet sie diese Methoden auf Micha 4,1–5 an und legt dabei besonderes Augenmerk auf die aktive Rolle, die Nicht-Menschen in diesem Text spielen, und was dies für Kirchengemeinden bedeuten könnte.
Der Beitrag von Christian Hennecke spricht aus der Perspektive einer besonderen kirchlichen Bewegung, die im letzten Jahrhundert viel dazu beigetragen hat, das Evangelium mit dem konkreten Leben der Menschen zu verbinden, nämlich aus der Perspektive der Fokolar-Bewegung. Sein Artikel unterscheidet sich von anderen in zweierlei Hinsicht. Erstens spricht er vom »Wort des Lebens« als einer Erfahrung und setzt es in Beziehung zur konkret gelebten Spiritualität. Zweitens verwendet er einen Erzählstil (Storytelling), der in der theologischen Literatur noch ungewohnt ist.
Fatima Tofighi, die aus einem multireligiösen Kontext kommt, plädiert für eine ethisch verantwortliche Lektüre der Bibel, wobei sie vor allem deren Bedeutung für die Unterprivilegierten und Marginalisierten im Auge behält. Als muslimische Gelehrte mit einer modernen befreienden Perspektive liest sie die Passage über die Verschleierung von Frauen in 1 Korinther 11, die nach ihrer Ansicht in der Rezeptionsgeschichte politisch gelesen wurde und immer noch wird und entsprechenden Schaden anrichten kann. Sie hält fest, dass eine ethisch verantwortliche Interpretation andere Religionen nicht unterminieren oder ihnen etwas zuschreiben sollte, was in ihnen nicht vorhanden ist.
Der letzte Artikel in diesem Abschnitt befasst sich mit der Perspektive queerer Interpretationen. Diejenigen, die sich unter dem Akronym LGBTIQ versammeln, lassen die christliche Morallehre hinter sich und finden in der Bibel Erzählungen über vielfältige Liebesbeziehungen, die die Kategorisierung von Menschen nach Ethnie, Status oder Geschlecht durchkreuzen. Sie stellen sogar traditionelle Körperkonzepte in Frage. Am Beispiel von Gal 3,27–28 zeigt Angela Standhartinger, dass es auch für LGBTIQ-Lesarten viele »neutestamentliche Hoffnungsbilder« gibt, die sich Kategorisierungen und normalisierenden Tendenzen widersetzen.
Die vierte Abteilung von Texten in dieser Ausgabe befasst sich mit problematischen Beispielen für den Gebrauch der Bibel und auch mit ihrem möglichen ideologischen Missbrauch. Norbert Reck gibt einen kurzen historischen Überblick über Antijudaismus und Antisemitismus in bibelwissenschaftlichen und theologischen Werken. Seiner Meinung nach ist hier ein wirklicher Durchbruch noch nicht gelungen, trotz des Zweiten Vatikanischen Konzils, der Befreiungstheologie und der feministischen Theologie, die begonnen haben, das Christentum für eine neue Wahrnehmung Jesu und seines jüdischen Kontextes zu öffnen. Aber noch immer, so Reck, ist der Jude Jesus von Nazaret weithin der »große Unbekannte« im Christentum.
Aus der Perspektive der Bibelwissenschaft untersucht Michael Theobald die Lehre der römisch-katholischen Kirche über das kirchliche Amt, wie sie vom Zweiten Vatikanischen Konzil formuliert wurde. Eine Lesart der Heiligen Schrift, die die historischen Entwicklungen des kirchlichen Dienstes ignoriert, die aufgrund anthropologischer und soziologischer Faktoren entstanden sind, führt letztlich zu einem fundamentalistischen Zugang zur Heiligen Schrift, warnt er.
Der letzte Beitrag in diesem Heft, von Paulo Augusto de Souza Nogueira, befasst sich mit der Offenbarung des Johannes, einem Text, der wie kaum ein anderer für die fundamentalistische politische Instrumentalisierung eines biblischen Textes, aber auch für die tiefe Spaltung und Weltangst unter den modernen Menschen steht. Er zeigt, wie dieser Text durch einen Dialog mit der Kosmologie indigener Kulturen, die von einer tiefen Verbundenheit alles Lebendigen ausgeht, eine geradezu heilende Ausstrahlung (zurück-) gewinnen kann. In dieser Hinsicht schlägt Nogueira mit seiner Lektüre »von der Peripherie der Welt« eine Brücke zum Anfang dieses Hefts und seinem Anliegen: den Text der Heiligen Schrift durch die Multiperspektivität biblischer Lektüren für die Gegenwart zum Sprechen zu bringen.
Mit Blick auf die hier vorgestellten Überlegungen zur kontextuellen Bibelauslegung und die gesammelten Beispiele können zusammenfassend einige Schlussfolgerungen als Anstoß für weitere Überlegungen dienen:
• Um wirklich authentisch und wissenschaftlich zu sein, braucht die kontextuelle Bibelauslegung einen interdisziplinären Ansatz.
• Auch in einer kontextuellen Lektüre ist Vielfalt möglich, da die Gemeinschaft der Lesenden nicht homogen, sondern heterogen ist und eine Vielzahl von Lesarten und Bedeutungen möglich und zu erwarten ist. Auf diese Weise werden »Minderheitenstimmen« nicht zum Schweigen gebracht und die kontextuelle Lektüre wird wirklich inklusiv.
• Kontextuelle Bibelinterpretation sollte unter ethischen Gesichtspunkten erfolgen, d. h. alle Bedeutungen oder Wahrheiten, die aus einer solchen Lektüre hervorgehen, sollten für die Gemeinschaft oder den Leser von praktischem Nutzen sein. Denn manchmal können Bibelinterpretationen der Gesellschaft, der Glaubensgemeinschaft oder dem Einzelnen schaden, wie es bei rassistischen und fundamentalistischen Auslegungen der Fall ist. Mit anderen Worten: Eine kontextbezogene Bibelauslegung muss lebensfördernd sein.
Das Theologische Forum befasst sich in diesem Heft mit einem wichtigen Dokument, das am 1. September 2021 von Papst Franziskus, dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus I. und Justin Welby, dem Erzbischof von Canterbury, unter dem Titel Gemeinsamer Appell für die Zukunft des Planeten und der Menschheit veröffentlicht wurde. Wir stellen vier Reaktionen auf dieses Dokument aus der Perspektive verschiedener christlicher Kirchen als Repräsentantinnen der christlichen Ökumene vor.


Demetrius K. Williams, Das 'sprechende Buch' antirassistisch zum Sprechen bringen.pdf

Angela Standhartinger, Mehr als männlich und weiblich.pdf

Norbert Reck, Der große Unbekannte.pdf

Zusammenfassungen des Heftinhalts.pdf

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