Aktuelles Heft Concilium

58. Jahrgang - Heft 5 | Dezember 2022

Gastfreundschaft und Freundschaft

Carlos Schickendantz, Gusztáv Kovács und Stan Chu Ilo

Ist das Entstehen einer inklusiven Welt, in der wir gemeinschaftlich zusammenleben und das Wohlergehen aller Menschen und des gesamten Kosmos erleben können, noch vorstellbar? Diese Frage wurde für viele Menschen auf der ganzen Welt Anfang 2022 drängender, als der verheerende Krieg in der Ukraine den Mythos erschüttert hat, dass Europa nach 1989 frei von Kriegen und Feindseligkeiten zwischen Ländern und Nationen sein würde. Heute fragen sich viele, wie eine neue Welt geschaffen werden kann, die auf dem Menschsein aller, auf der Achtung der Rechte und Freiheiten der Menschen und auf der Autonomie der Individuen und Gruppen aufbaut. Wie kann die Welt von zerstörerischen Ideologien befreit werden, die eher Konflikte als Freundschaft zwischen Völkern, Nationen und verschiedenen Gruppen in den Gesellschaften der Gegenwart fördern?

Welche Rolle können Glaube und Theologie spielen, wenn es darum geht, ethisch inklusive und gemeinschaftliche Gegenbewegungen zu schaffen, die in der Lage sind, die zerrissenen Bande der Liebe und der Verbundenheit in unserer Welt wieder zusammenzufügen? Mit anderen Worten: Können wir alle auf unserer gemeinsamen Reise auf dieser Erde Freunde sein und einander willkommen heißen, weil wir in den anderen sehen, was wir in uns selbst sehen?

Unsere Zeit verlangt nach einer ethischen Revolution, die die Herzen der Menschen zu einer neuen Art des Verhaltens, des Lebens und des Miteinanders bewegt mit dem Ziel einer gerechten und friedlichen Welt. Dies erfordert jedoch, dass wir uns mit den Götzen der Nation, des Geldes, der Macht und der Religion sowie mit den Kräften des Imperialismus auseinandersetzen, die die Welt heute erhitzen und so viel Leid über unschuldige Menschen, die Armen und diejenigen an den existenziellen Rändern des Lebens bringen. Diese Götzen sind oft das Ergebnis einer über lange Zeit verzerrten Moral, einer zerstörerischen globalen Politik und der Ausbeutungslogik der sogenannten Industrienationen, die ihre Hände mit im Spiel haben, wenn es darum geht, die moderne Kriegsführung in Gang zu setzen, zu legitimieren und auszurüsten.

Wir glauben, dass es möglich ist, eine andere Praxis für eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens zu entwerfen und hervorzubringen. Allerdings ist für den Triumph der Ideale der Liebe, der Freundschaft, der Gastfreundschaft, des Mitgefühls, des Mitleidens, der globalen Solidarität und der Ethik der Brüderlichkeit, die auf einer Spiritualität der Inklusion, der Anerkennung und der Gemeinschaft aufbaut, eine Menge Arbeit nötig: Analyse der Weltanschauungen, Umstellung der Denkweisen, Aufbau von Wissen, Bildung und Ausbildung, tägliche Einübung ins Umsteuern, um alternative Orte und Visionen für die Neugestaltung einer Welt zu bieten, in der wir alle gemeinsam als eine Familie leben können. Dies erfordert auch, dass Männer und Frauen sich gemeinsam für das menschliche und kosmische Wohlergehen einsetzen.

Das Thema Gastfreundschaft und Freundschaft bildet den Ausgangspunkt für dieses Heft von CONCILIUM, denn es wird bei den skizzierten Problemen darum gehen, die Ethik des Zusammenlebens von Kulturen, Ideologien, Religionen und Theologien zu transformieren. Auch theologisch soll die Komplexität der Fragen von Freundschaft und Gastfreundschaft diskutiert werden. Zwar kann das nicht der einzige Zugang zum Thema sein, aber wir glauben, dass viele Probleme und Möglichkeiten unseres modernen Lebens von einer theologischen Reflexion profitieren können. Das Thema bietet außerdem einen weiten Horizont für theologische und pastorale Überlegungen, wie den Schwierigkeiten, den Ängsten, dem Zynismus, der Skepsis und den Sorgen unserer Zeit mit neuer ethischer Fantasie begegnet werden kann. Papst Franziskus spricht in diesem Zusammenhang von einer »Kultur der Begegnung«. Aus dieser Perspektive ist es möglich, Theologie, Ethik, Spiritualität, Politik und Praxis der Intersubjektivität zu vertiefen, um gesunde und lebensbejahende Beziehungen zwischen den Völkern aufzubauen. Welche Rolle, so fragen wir uns, könnte zum Beispiel die Theologie in unserer zerbrochenen und verwundeten Welt spielen, die sich noch immer nicht völlig von der Pandemie erholt hat? Wie können christliche Gemeinschaften die produktive Praxis und die Verkündigung des Evangeliums fördern, damit die Menschen es als Zeichen der Freundschaft und der Gastfreundschaft erleben, als das schlagende Herz des inneren Lebens und der schöpferischen Gegenwart des dreieinigen Gottes in der Geschichte?

Christliche Gemeinschaften in der ganzen Welt können die Menschheit heute bei ihrer Suche nach Heilung der zerrissenen Bande der Liebe jenseits der Ängste des gegenwärtigen Augenblicks begleiten. Die Suche nach einem gemeinsamen Menschsein ist auch das pulsierende Herz aller Religionen und Kulturen. Wir alle wünschen uns, in Frieden zu leben und Raum für alle zu schaffen, insbesondere für die Schwächsten, die Verlassenen, die Missverstandenen und die Vernachlässigten in unserem gemeinsamen Haus. Während sich die Welt von der Pandemie erholt, gibt es jedoch zahlreiche Anzeichen dafür, dass einige der gegen die Pandemie ergriffenen Maßnahmen, wie z. B. soziale Distanzierung und Quarantäne, zur Normalität oder zur Legitimierung geworden sind, bestehende soziale Hierarchien und die Marginalisierung zu verstärken. Sie haben in vielen Kontexten auch andere soziale Konstrukte verfestigt, die so viel Schmerz, Entfremdung und ausgrenzende Praktiken hervorgebracht haben – sei es in kirchlichen, religiösen, staatlichen oder weltweiten Zusammenhängen. Das Nachdenken über Gastfreundschaft und Freundschaft kann daher dazu beitragen, neue theologische, missiologische, ethische und pastorale Sprachen, Bilder und Modelle zu entwickeln, um die wachsende Kluft in unserer Welt zwischen Völkern, Kulturen, Religionen, Rassen und Nationen zu überwinden.

Diese Ausgabe von CONCILIUM stellt sich der theologischen Aufgabe, die Botschaft des Evangeliums von Gastfreundschaft und Freundschaft als eine Form des Menschseins und des Christseins sowie als eine Form des Kircheseins zu vertiefen und zu gestalten. Die Mitwirkenden bringen dazu unterschiedliche Zugänge und Perspektiven ein.

Im ersten Teil des Hefts erkunden die Autoren die philosophischen und theologischen Grundlagen der Gastfreundschaft und Freundschaft, die anhand verschiedener Bilder aus der Heiligen Schrift, den Kulturen und Traditionen sichtbar werden. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang der fundamentale Diskurs über Gott unter Verwendung des trinitarischen Modells der gegenseitigen Beheimatung der drei göttlichen Personen hinsichtlich der Mission der Kirche in der Welt und der spezifischen sozialen Anliegen in den Bereichen der katholischen Soziallehre.

William O’Neill SJ geht davon aus, dass weder die kommunitaristische Tugend der Gastfreundschaft noch die liberale Rhetorik der Rechte dauerhafte Lösungen für die Notlage der Flüchtlinge in der Welt bieten. In seinem Essay versucht er aufzuzeigen, wie eine Hermeneutik der Annäherung aussehen könnte, die über diese beiden polaren Gegensätze hinausgeht, die beispielsweise Flüchtlingen oft Handlungsfähigkeit und Subjektsein absprechen, ihnen aber erniedrigende oder kastrierende Merkmale zuschreiben. Anhand seines derzeitigen Standorts in Kakuma, einem Flüchtlingslager in Kenia, zeigt er die Möglichkeit auf, Gastfreundschaft und Freundschaft auf dem Boden einiger Metanarrative aus vielen religiösen Traditionen und indigenen Traditionen zu gründen, um den Rechten und Stimmen der Flüchtlinge Gehör zu verschaffen und sie in ihrer Rationalität zu verstehen. Das christliche Gründungsnarrativ, das er am Ende seiner Überlegungen anführt, ist in der Lage, Identität und Differenz zwischen Gästen und Gastgebern so zu radikalisieren, dass beide etwas gewinnen, wenn Gäste wie Gastgeber beginnen, den jeweils Anderen als ein anderes Selbst zu sehen.

Der Aufsatz von Claudio Monge vertieft die Konzeptualisierung göttlichmenschlicher Begegnungen anhand ihrer interkulturellen Grundlage in den abrahamitischen Religionen. Er meint, dass die Gastfreundschaft sowohl einen eigenen theologischen als auch einen dogmatischen Charakter hat. Gastfreundschaft, so schlägt Monge vor, kann den Menschen helfen, das Herz Gottes zu erkennen, und indem die Menschen einander gastfreundlich begegnen, nehmen sie Gott auf. Er schreibt von einem Gott, der nicht nur den Schrei des Volkes in einem fremden Land gehört hat, sondern selbst »ins Exil ging«: ein Fremder auf der Erde, um ein Gefährte aller Fremden und Exilanten auf der Erde zu sein. Monge lädt ein, dieses göttliche Modell aufzugreifen und sich von der Demut der göttlichen Aufnahme/Herabkunft (synkatabasis) inspirieren zu lassen, um die Vorstellungen von Andersartigkeit und Entfremdung zu überdenken und die Gläubigen dazu zu bewegen, sich eine Ethik der Anerkennung und Freundschaft als Moment der göttlichen Begegnung zu eigen zu machen.

Daniel Innerarity hebt die Bedeutung des menschlichen Mitgefühls hervor angesichts der wiederholten Versuche, dessen Wert zu leugnen. Zur Verteidigung des Mitgefühls schlägt der Autor vor, die Endlichkeit des Menschen anzuerkennen und sein Unvermögen, Gerechtigkeit in der Welt vollständig zu verwirklichen, zu akzeptieren. Der Artikel geht das in zwei sich ergänzenden Schritten an: Zunächst werden die Argumente für die »Verbote« des Mitgefühls, die Versuche, es zu delegitimieren, dargelegt; anschließend werden die Bedeutung und »die Würde des Palliativs« erläutert. Gewiss: Als Programm, das den Kampf gegen die Ungerechtigkeit ersetzt, ist Mitgefühl nicht zu rechtfertigen. Seine Legitimität besteht vielmehr darin, dass es ein Zeichen dafür ist, dass man bereit wäre, das Übel, das einen berührt, zu beseitigen, wenn man nur könnte, und dass man in der Zwischenzeit die eigene Bereitschaft in einer Geste, in einem Zeichen vorwegnimmt. Diese Vorschläge verbinden den Realismus angesichts unserer begrenzten Fähigkeiten, große Veränderungen in historischen Prozessen herbeizuführen, mit der tiefen Bedeutung der Sensibilität für die Leiden der Anderen. Mitgefühl erweist sich als unverzichtbare Zutat für den Aufbau einer gastfreundlicheren Welt, insbesondere für die Opfer der Geschichte und die am meisten gefährdeten Menschen in unseren Gesellschaften.

Michelle A. Gonzalez (Michelle Maldonado) erkundet einen theologischen Ansatz für interkulturelle Freundschaft als Modell für den Umgang mit Differenz und Inklusion im Kontext der Gegenwart. Maldonado erkennt die Komplexität der Aushandlung von Identität und Beziehungen in der heutigen Welt an, insbesondere in der akademischen Welt unter Gelehrten und Studenten. Sie unterstreicht, wie wichtig es ist, nach tieferen anthropologischen und theologischen Grundlagen für Freundschaft zu suchen und dabei zum Beispiel die Kulturen, Narrative und Praktiken der Latinos zu nutzen. Freundschaft bedeutet, Entscheidungen zu treffen, aber bei der Suche nach den Grundlagen für die Schaffung von Beziehungen des Respekts braucht es tiefere Quellen der Inspiration – jenseits der vorherrschenden Objektivierung des Anderen, der spaltenden Politik und der ausgrenzenden Politik.

Die Autorinnen und Autoren des zweiten Teils dieses Hefts reflektieren die Praxis der Gastfreundschaft und Freundschaft anhand verschiedener kultureller, sozialer und politischer Narrative aus unterschiedlichen Regionen der Welt. Die Beiträge helfen uns, Machtasymmetrien in Freundschaft und Gastfreundschaft zu erkennen, die in vielen Kontexten sowohl auf Mikro- als auch auf Makroebene und leider auch innerhalb unserer kirchlichen Gemeinschaften zum Tragen kommen. Sie bieten uns Fallstudien zu verschiedenen Machtverhältnissen in der Kirche, z. B. unter Minderheiten/indigenen Völkern in vielen Ländern. Die Beiträge befassen sich auch mit Aspekten unseres Lebens, in denen Gastfreundschaft und Freundschaft schmerzlich vermisst werden, und wie sich das in Fragen der Gleichberechtigung, der Situation von Flüchtlingen und Migranten, der Politik der Spaltung und Ausgrenzung, der Verfolgung und Ausbeutung, der Ausgrenzung, des sexuellen Missbrauchs und des Rassismus manifestiert.

Luiz Carlos Susin stellt in seinem Beitrag fest, dass jede Religion in irgendeiner Form von Gastfreundschaft inspiriert ist, d. h. von einer gastfreundlichen Beziehung zwischen den Menschen und dem Göttlichen, die durch Offenbarungen und Geschenke ihren Ausdruck findet. Daher sein Vorschlag für ein konkreteres Axiom: »Gastfreundschaft ist die Seele der Kirche«, sie ist die »heilige Straße der Religionen«. Er denkt dabei an eine messianische Gastfreundschaft, die asymmetrisch ist, weil sie sich auf den Fremden, den Armen, den Obdachlosen, den Waisen und die Witwe ausrichtet. Die im Neuen Testament bezeugte Praxis und Lehre Jesu verkündet ein Reich Gottes, das sich durch grenzenlose Gastfreundschaft auszeichnet. So wird die asymmetrische Gastfreundschaft von Matthäus 25 – besuchen, willkommen heißen, helfen – zu einem Unterscheidungskriterium über das Christentum hinaus. Sie ist die erste Ethik allen Humanismus, die in verschiedenen Initiativen, Organisationen und Institutionen vielfältige Formen der Verwirklichung findet.

Der Beitrag von Sharon Bong enthält eine Perspektive, die für diese Ausgabe von CONCILIUM unverzichtbar ist: die Erfahrung vieler Frauen in der katholischen Kirche, Fremde in ihrem eigenen Haus zu sein. Die Allegorie zu Beginn des Artikels macht deutlich, dass die Anerkennung ihrer Rechte und ihrer Fähigkeiten ein Thema ist, das auch unter dem Aspekt der Gastfreundschaft verstanden werden kann. Der Text erinnert an grundlegende Ideen des Feminismus und verbindet diese mit Erfahrungen in Kirche und Theologie, insbesondere in der Organisation »Ecclesia of Women in Asia« (EWA), die von vielen Frauen als »spirituelles Zuhause« erlebt wird.

Bradford Hinze geht zentralen Überzeugungen von Papst Franziskus nach, die die Grundlage und den Anstoß für die Kultivierung von Räumen der Zugehörigkeit für Laien bilden. Er fordert uns auf, uns ehrlich mit einigen der eingefahrenen kirchlichen Praktiken auseinanderzusetzen, die wie »Rückstände von Götzen in unserer Vision von Gott« sind, weil sie Räume der Zugehörigkeit und Teilhabe für einige im Volk Gottes, insbesondere für Laien, verschließen. Er tritt auf unwiderstehliche Weise dafür ein, sich verschiedene Formen der Praxis und spezifische Fähigkeiten zu eigen zu machen, die erforderlich sind, um die Agenda der Öffnung von Räumen für Laien voranzutreiben – insbesondere für diejenigen, die sich an den existenziellen Peripherien befinden: in den Basisgemeinden, Pfarreien, Diözesen und in der Zivilgesellschaft.

Der Essay von Roman Globokar geht dem theologischen Begriff der »Freundschaft mit der Erde« nach und interpretiert ihn als ethische Haltung, die durch das Bewusstsein der Verbundenheit, die Erfahrung der Verletzlichkeit, den Wunsch nach gemeinsamem Wachstum und die Sorge um das Gemeinwohl gekennzeichnet ist.

Der dritte Teil dieses Hefts fragt aus einer globalen Perspektive nach Möglichkeiten der Vertiefung der Grundlagen und der Praxis von Gastfreundschaft und Freundschaft. Es besteht die Notwendigkeit einer selbstkritischeren Auseinandersetzung mit den herrschenden theologischen Narrativen und Gründungserzählungen unserer Kirchen, damit einige ihrer Interpretationen und Umsetzungen in den Kirchen nicht die Praktiken wiederholen, die der Gastfreundschaft und der Freundschaft als ethischer Praxis zuwiderlaufen. Für diese kritische Überprüfung könnte die Auseinandersetzung mit Gastfreundschaft und Freundschaft in anderen, nichtwestlichen Traditionen eine Hilfe sein. Es liegt auf der Hand, dass es in traditionellen Kontexten positive Werte gibt, die mit biblischen, kirchlichen, sozialen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Traditionen ins Gespräch kommen können, um Formen der Gastfreundschaft und Freundschaft zu entwickeln. Jojo M. Fung SJ bietet die indigene Spiritualität des Topunan als Modell für Freundschaft und Gastfreundschaft an. Topunan ist ein Begriff, der sich von einer Mahlgemeinschaft herleitet, deren Symbolik der Mahlgemeinschaft Jesu und seiner Jünger nicht unähnlich ist. Fung verwendet Topunan als Wurzelmetapher und ethisches Motiv für die Wiederaneignung von Räumen des Widerstands und von Sinn im langen Kampf der indigenen Völker um die Rückgewinnung ihres Landes und ihrer Geschichte. Topunan steht darüber hinaus für eine Ethik der Anerkennung, der Begegnung, der Feier, des Respekts, der Gleichheit, der Brüderlichkeit, der Gegenseitigkeit und der Gemeinschaft. Es ist die Spiritualität, so Fung, die es indigenen Gemeinschaften ermöglicht, durch die alltägliche Praxis von Gastfreundschaft und gemeinsamen Mahlzeiten eine Gegenkultur zu schaffen, um eine gleichberechtigtere, gerechtere, inklusivere und grünere Welt im Netz multipler intersektionaler Auswirkungen zu verwirklichen, die zur »Hoffnung, der Schöpfung einer alternativen Welt zur gegenseitigen Transformation und Errettung« führt.

Néstor Medina widmet sich den Asymmetrien der Macht in der Gastfreundschaft anhand von Beispielen aus der Geschichte des Kolonialismus und fragt nach Diversität, Integration und sozialer Gerechtigkeit für minorisierte Einzelne und Gruppen. Er schlägt eine dekoloniale Neuinterpretation des Akts der Gastfreundschaft vor und sieht in einer soziotheologischen Kenosis eine Möglichkeit, die Beziehung zwischen »Gastgeber« und »Gästen« zu gestalten – als Antwort auf den ethischen Imperativ, soziale Räume für die Anderen zu schaffen und auf koloniale Räume von Privilegien zu verzichten.

Zuletzt liest Pascale Renaud-Grosbras die Perikope vom Großen Gastmahl hinsichtlich ihrer ethischen Relevanz für die alltägliche Komplexität interkultureller Beziehungen und multikultureller Optionen in unseren Kirchen. Sie lädt uns ein, an diejenigen zu denken, die in unseren Kirchen immer noch »in ihrer Ecke bleiben«; Menschen, die in religiösen Räumen, in denen sie Liebe zu erfahren hoffen und nicht finden, wie Infektionsherde behandelt werden. Die kirchlichen Gemeinschaften und die Gläubigen sind aufgerufen, offen zu sein für die Begegnung mit anderen und einen inklusiven Raum zu schaffen, in dem das ganze Volk Gottes weiß und spürt, dass es Platz für alle gibt. Die Kirche, so schlägt sie vor, sollte selbst dieser große Raum sein, in dem das ganze Volk Gottes zum Großen Festmahl geladen ist.

Das Theologische Forum in dieser Ausgabe von CONCILIUM widmet sich autobiografischen Reflexionen im Zusammenhang unseres Nachdenkens über Gastfreundschaft und Freundschaft. Juan Carlos La Puente Tapia nimmt uns mit auf seine persönliche Reise von Peru über Brasilien bis in die Vereinigten Staaten.

In diesem fesselnden Bericht lesen wir von einer spirituellen Bewegung, die uns aus dem Griff von Herrschaft, Hegemonie und Privilegien befreien will. Er schreibt, wie die Kraft der Ruah einen in das Gewebe des Lebens hineinzieht, in dem Menschen auf ihren Lebenswegen durch verschiedene Nationen, Religionen und über kulturelle und spirituelle Grenzen hinweg ihre tiefste Würde in der Würde aller Generationen und unserer Mutter Erde entdeckt haben.

Jodi Mikalachki lässt die Leserinnen und Leser in ihrer biografischen Erzählung an ihrer spirituellen Pilgerreise als kanadische Amerikanerin, die über ein Jahrzehnt in Burundi gelebt und gearbeitet hat, teilhaben. Sie lädt uns ein, mit ihr über die Themen Feiern, Verlust und Mitgefühl zu meditieren und zu sehen, wie wir die Fußspuren Gottes erkennen können, denen sie auf ihrer Reise der Integration folgt, die zugleich körperlich und geistig, emotional und intellektuell ist.

Mit dem letzten Essay im Theologischen Forum wenden wir uns noch einmal dem anhaltenden Konflikt und dem Leiden unserer Brüder und Schwestern in der Ukraine zu. Eli S. McCarthy, der sich der Förderung des Weltfriedens durch Gewaltlosigkeit und ein kritisches Verständnis des Wesens von Gewalt und Konflikten widmet, denkt über die unterschiedlichen Wege nach, auf denen die Kämpfenden in der Ukraine durch Gastfreundschaft und Freundschaft begleitet werden können. Die Begleitung unter dem Blickwinkel der Freundschaft sollte in seinen Augen nicht nur darin bestehen, bei den Menschen zu sein und ihnen Ressourcen zur Verfügung zu stellen, sondern auch den Freund oder potenziellen Freund einzuladen, in einen gemeinsamen Prozess der Selbstreflexion und des Wachstums einzutreten. Dieser transformative Moment wird zu einem Kanal, durch den die humanisierende Energie der Gastfreundschaft und des Vertrauens wie ein Fluss in diesen dynamischen Prozess des Zusammenfügens zerbrochener Beziehungen, der Heilung der Welt und der Verantwortung für einen gerechten Frieden fließt. Wenn man sich auf diesen dynamischen Prozess durch tiefe Begegnungen einlässt, verlagert sich das Gerechtigkeitsempfinden von Schuldzuweisungen und Vergeltung hin zu einer Aufmerksamkeit für die erlittenen Schäden, für die Rechenschaftspflicht und die Möglichkeiten der Heilung. Auf diese Weise wird die Praxis der Anerkennung des Geschehenen und der Verantwortung für den Schaden als konstitutiv für den Weg des gerechten Friedens wiederentdeckt. McCarthys Aufruf zu einem gerechten Frieden für die Ukraine und für die Welt ist ein Aufruf an uns alle, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um die am Boden Liegenden aufzurichten, die Wunden der Verletzten zu versorgen und uns für Liebe und Frieden einzusetzen, damit wir in einer gerechten Welt zusammenleben können.

Dieses Heft ist interdisziplinär angelegt, und unsere Autorinnen und Autoren haben die Themen und Fragestellungen unter vielen verschiedenen disziplinären und praktischen Gesichtspunkten beleuchtet. Einige der Geschichten in dieser Ausgabe stammen aus »unwegsamem Gelände«, da unsere Autoren intersubjektive Narrative weben, die immer wieder Berührungspunkte aufweisen mit der lokalen oder globalen Politik der Gegenwart, mit der Kirche, Entwicklungstheorien, Sozialtheorien, Migration, Marginalität, globaler Gesundheit, pastoraler und gesellschaftlicher Begleitung sowie mit globaler Solidarität u.a. Wir hoffen, dass diese Aufsätze einen Beitrag zur Förderung von Gastfreundschaft und Freundschaft auf lokaler und globaler Ebene leisten können.


Claudio Monge,Gott zu Gast haben.pdf

Juan Carlos La Puente Tapia, Wie durch Gastlichkeit und Freundschaft eine gemeinsame Berufung aufleuchten kann.pdf

Luiz Carlos Susin, Offen für alle.pdf

Zusammenfassungen des Heftinhalts.pdf

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