Aktuelles Heft Concilium

57. Jahrgang - Heft 1 | März 2021

Grenzen - Fragen für Kirche und Theologie

Catherine Cornille, Gianluca Montaldi und Daniel Franklin Pilario

Ob implizit oder explizit – Grenzen haben schon immer eine tiefe theologische Bedeutung gehabt. Einerseits ist die Grenze ein Mittel zur Bestimmung der eigenen Identität durch die Abgrenzung von anderen, andererseits kann sie aber auch als ein Ort des Austauschs erfahren werden. Aus anthropologischer Sicht ist sie sowohl eine Beschränkung als auch ein Ausgangspunkt. Wegen dieser Doppelgesichigkeit verlangt die Verletztlichkeit derjenigen, die »am Rande« oder »in magischen Territorien« (Gloria Andalzúa) leben, besondere Aufmerksamkeit. Zudem beobachten wir in unserer Zeit einen tiefgreifenden Wandel in der existenziellen Erfahrung der »Grenze«. Dafür gibt es viele Gründe: Die Probleme im Zusammenhang mit dem Klimawandel, dem Zugang zu sauberem Wasser und sauberer Luft, die weltweiten Unterschiede in der Entwicklung und den wirtschaftlichen wie finanziellen Möglichkeiten und nicht zuletzt die politische Instabilität und Gewalt drängen immer mehr Menschen auf der ganzen Welt dazu, die Grenzen ihrer Länder zu überschreiten. Dieses Überschreiten der Grenzen könnte zur Gestalt eines neuen Menschseins und eines neuen Zusammenlebens werden, in dem auch die religiösen und spirituellen Ressourcen jedes Menschen und jeder Gruppe ihre je eigene Rolle zu spielen hätten. Infolgedessen hat auch die Theologie zu diesen Überlegungen einen Beitrag zu leisten, wenn sie in einen Dialog mit anderen Disziplinen eintritt. Das Jahrestreffen der Herausgeber und Herausgeberinnen von CONCILIUM hätte 2020 in Palermo in Italien stattfinden sollen. Eine Zusammenarbeit mit der Theologischen Fakultät von Palermo und mit der SIRT (Società Italiana per la Ricerca Teologica) war geplant. Wie so oft war die Realität stärker als die Ideen, und dieses Mal präsentierte sie sich in Form einer unsichtbaren biologischen Gewalt, die alle großen Vorhaben zum Erliegen brachte. Wir mussten die Pläne für unser Treffen ändern, wollten aber dennoch den thematischen Schwerpunkt der Konferenz beibehalten: »Grenzen: ein mediterraner Weg«. Der Konferenzort in Palermo und Sizilien hätte es uns erlaubt, diese Überlegungen in einen präzisen historischen, geografischen und kulturellen Kontext zu stellen, der selbst ein randständiges Territorium ist, das durch die Begegnungen verschiedener Religionen und Kulturen geprägt ist. Das Ziel war deshalb, ein Gespräch über die Bedeutung des Lebens »am Rande« zu beginnen. Darum kommen viele der Beiträge in diesem Heft aus Italien und Südeuropa, und darum konzentrieren wir uns auf den Mittelmeerraum. Diese Gebiete sind in doppelter Hinsicht marginal für Europa und die Welt (und ihre jeweiligen Theologien). Sie stellen ein Laboratorium dar, in dem wir über die Funktion und die Herausforderungen von Grenzen nachdenken können. Die dramatischen Ereignisse, die sich an den sichtbaren und unsichtbaren Grenzen des Mittelmeers abspielen, bieten zudem einen wichtigen »Locus«, um sich mit der umfassenderen theologischen Bedeutung von Grenzen auseinanderzusetzen. In solchen Gebieten liegt es auf der Hand, dass man den Grenzen nicht ausweichen kann, sondern einen Weg finden muss, mit ihnen zu leben und dabei Formen der menschlichen Widerstandsfähigkeit zu entwickeln. Die Texte dieser Ausgabe von CONCILIUM beginnen deshalb damit, Möglichkeiten der evangeliumsgemäßen Koexistenz an den Grenzen einer Stadt wie Palermo, d. h. in einer Welt der Vorstädte, auszuloten (Anna Staropoli). Zugleich aber kommt es immer wieder vor, dass die bestehenden Grenzen verstärkt werden. Daher ist es wichtig, sie zu »dekonstruieren«, sei es durch die Überwindung der Grenzen zwischen Natur und Technik (Giovanni Giorgio) oder durch das Überschreiten der Grenzen zwischen verschiedenen Kulturen und Völkern (Sharon A. Bong, Carlos Mendoza Alvarez). In einem zusammenfassenden Artikel reflektiert Stan Chu Ilo darüber, wie sich die Theologie von den gegenwärtigen Realitäten der Errichtung und der Überschreitung von Grenzen in Frage stellen und verändern lassen sollte. Da das Projekt der Europäischen Union ebenfalls aus dem Wunsch geboren wurde, Grenzen zu öffnen, befassen sich die weiteren Beiträge dieses Hefts mit den anhaltenden Herausforderungen der europäischen Integration und ihrer eigenen Beziehung zum »Fremden« (Michelle Becka, Johannes Ulrich, Cettina Militello, Zoran Grozdanov) – mit einem besonderen Blick auf die europäische Südgrenze (Valerio Corradi, Giuseppina de Simone). In der Art eines Epilogs meditiert der dichte Schlusstext sodann über die Mosaiken der Capella Palatina in Palermo, wo sich Ost und West auf fast natürliche Weise begegnen (Crispino Valenziano). Das Theologische Forum dieses Hefts stellt zwei Reflexionen vor, die sich kritisch mit der Situation der Pandemie auseinandersetzen, eine aus philosophischer Sicht (Kristoff Vanhoutte) und eine aus der Perspektive der Liturgie (Alberto dal Maso).
Aus dem Englischen übersetzt von Norbert Reck

Concilium 1_2021 Inhalt.pdf

Sharon A. Bong, Die Begegnung mit dem Fremden vor dem Tor.pdf

Zusammenfassungen des Heftinhalts.pdf

 
 
 
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