Aktuelles Heft Concilium

57. Jahrgang - Heft 3 | Juli 2021

Inkarnation im post/humanen Zeitalter

Susan Abraham, Bernardeth Caero und Po Ho Huang

Haben Inkarnation und Inkarnationstheologie – beides zentrale Aspekte des christlichen Denkens – noch Bedeutung im post/humanen Zeitalter? Finden sie noch Widerhall? Der Ausdruck »Post/Human« ist Elaine Grahams elegante Lösung, um zwei getrennte Diskurse zu überbrücken: Posthumanismus und Transhumanismus. Sowohl Posthumanismus als auch Transhumanismus stehen im Kontext dessen, was Graham die »Technologisierung der Natur« nennt. Die Menschen sehen das Leben heute als einen »Strom von Informationen«, der je nach Bedarf in andere als kohlenstoffbasierte Lebensformen herunter- oder hochgeladen werden kann, wie es in der Populärkultur bereits in Filmen und Videospielen dargestellt wird. Die Verwischung der Grenzen zwischen Mensch, Technik und Natur stellt uns vor ernste Fragen für die Ontologie und die theologische Anthropologie, gerade wenn die Sehnsucht nach dem Transzendieren gegenwärtiger Lebensformen
die religiöse und theologische Vorstellungskraft neu entfacht. Viele
sehen in der Konzentration auf Technologie und Information eine Kompromittierung des christlichen Verständnisses der Inkarnation und der daraus hervorgehenden Inkarnationstheologie. Andere sehen darin eine Chance für ein komplexeres Einbringen der theologischen und religiösen Vorstellungskraft. Aus solchen Auseinandersetzungen mit religiösen und theologischen Vorstellungen bestehen die Beiträge in diesem Heft. Sein thematischer Teil besteht aus drei Abschnitten. Die Autorinnen und Autoren im ersten Abschnitt entwickeln philosophische Perspektiven auf die aktuellen Positionen des Posthumanismus. Elaine Grahams Aufsatz erkundet die Möglichkeiten, die Grenzen zwischen Immanenz und Transzendenz, Säkularem und Heiligem, Menschlichkeit und Göttlichkeit in einem Dialog zwischen kritischem Posthumanismus und Cyborg- Identitäten zu überschreiten. Philip Butler liefert eine weitere Perspektive durch
seine markante Analyse von »Schwarzsein« und den Diskursen des Posthumanismus. In seinem Essay entfaltet er die Sichtweise, dass Afroamerikaner und Schwarze schon immer »post«-human waren, da ihr eigenes Menschsein in den eurozentrischen Diskursen, einschließlich der Befreiungsdiskurse, ausgelöscht wurde. Sodann trägt Stefan Lorenz Sorgner in seinem Beitrag den Gedanken vor,
dass die Idee der religiösen Muße, d. h. die Kontemplation Gottes, nicht von einem inkarnatorischen Rahmen für den Posthumanismus getrennt werden kann. Im zweiten Abschnitt untersuchen die Autorinnen und Autoren Aspekte der Populärkultur und des Posthumanismus. Heidi Campbell zeichnet nach, wie die Narrative über den Posthumanismus die Argumente religiöser Gruppen, die von der Technologie abhängig sind, während der Covid-19-Pandemie beeinflussen, und mahnt zur Vorsicht gegenüber solchen Rückgriffen, die das Theologische und Inkarnatorische in religiösen Diskursen gefährden könnten. Andrea Vicini stellt in
ähnlicher Weise das posthumane moralische Handeln infrage und will wissen, ob fragloses Vertrauen in die Technologie und ihre Versprechen gerechtfertigt sind, besonders wenn man die Verluste von Körperlichkeit und inkarnatorischer Ethik im Posthumanismus in Betracht zieht. Im Gegensatz dazu zeigt Susan Abraham, dass die populären Narrative über den Posthumanismus, die in der Kultur der Vereinigten Staaten am deutlichsten in Superhelden-Comics und -Filmen zutage treten, fantasievolle Konstruktionen des Post/Humanen sind, aber zugleich als Narrative fungieren, in denen Vorstellungen der amerikanischen Gesellschaft zu Hautfarbe und Geschlecht sich auf die normativen Vorstellungen von Menschsein auswirken. Schwarze Superheldenfilme stellen in dieser Sichtweise den Rassismus
und Sexismus der populärkulturellen Imaginationen des Menschlichen wie auch des Post/Humanen infrage. Der dritte Abschnitt des thematischen Teils dieser Ausgabe wendet sich dann explizit den Problemen zu, die die Cyber-Realität aufwirft. Die Autorinnen und
Autoren sind sich hier nicht einig darüber, inwieweit die Cyber-Realität »desinkarniert «. Jeanine Thweatt zum Beispiel stellt in einer spezifisch feministischen Sicht die Vorstellung infrage, dass der vermeintliche »Technognostizismus« des Upload-Szenarios in vielen post/humanen Analysen das Problem der spezifischen Körperlichkeit umgeht, indem er sich auf die Entkörperung konzentriert. Dabei
berührt sich ihre Analyse mit den Essays von Butler und Abraham. Jay Johnsons Beitrag bietet einen weiteren interessanten Ansatz. Ausgehend von der explizit theologischen und inkarnatorischen Logik der Realpräsenz Christi in der Eucharistie untersucht Johnson die Auswirkungen entkörperlichter Liturgien und der Möglichkeit der Desinkarnation in der Zeit von Covid-19 auf unseren Sinn für Gemeinschaft und denkt, dass die Eucharistie eschatologisch gefeiert werden muss, wenn die fleischliche Möglichkeit der Gemeinschaft geleugnet wird – ein vitales Echo des II. Vaticanums. Raúl Fornet-Betancourt präsentiert ein starkes Argument gegen die Idee, dass der Posthumanismus eine »Verbesserung« des Menschen ist, und vertritt die Ansicht, dass die menschliche Sterblichkeit von großer Bedeutung für die conditio humana ist. Er denkt, dass mit der Inkarnation des Logos das »Fleisch« ein Ort der Theophanie und ein Ort der fortwährenden Dankbarkeit für den Menschen sein sollte. Lee Cormie hingegen sieht im Aufkommen von Transhumanismus, Posthumanismus und Anthropozän »epochale Übergänge« im Leben unseres Planeten und denkt, dass wir Zeugen der Geburt einer völlig anderen Zeit für unsere Spezies sind, einschließlich der Möglichkeit ihres Endes. Zuletzt plädiert H. S. Wilson für ein erneuertes Engagement der christlichen Theologie, da die Menschen fortfahren, künstliche Intelligenz mit immer größerer Kapazität zu entwickeln. Die Autoren und Autorinnen des Theologischen Forums in dieser Ausgabe befassen sich mit folgenden Themen: Paul M. Zulehner thematisiert verschiedene Formen des Priestertums angesichts neuer Realitäten in der Weltkirche, wie
z. B. des wachsenden Priestermangels. Er schreibt: »Darum hat die Amazonas- Synode gerungen und dem Papst Vorschläge gemacht. Dieser hat entschieden, nicht zu entscheiden«. Geraldina Céspedes erläutert die vier Träume, die Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben Querida Amazonia formuliert hat: eine Kirche, die wieder träumt; ein gesellschaftlicher Traum: die Rechte der Ärmsten; ein kultureller Traum: die Erhaltung der Artenvielfalt; ein ökologischer Traum: die Sorge für unser »gemeinsames Haus«. Ausgehend von der Realität der Black-Lives-Matter-Bewegung beschäftigt sich Lucas Cerviño mit dem Thema des Andersseins und der Gewalt auf dem amerikanischen Kontinent. Der Autor führt aus, dass die Nicht-Anerkennung der Vielfalt eine Verleugnung des Gottes ist, der Gemeinschaft ist.

Concilium 2_2021 Inhalt.pdf

J. J. Thweatt, Natalität, Mortalität und Post-Humanität.pdf

St. L. Sorgner, Der posthumane Paradigmenwechsel und die Möglichkeit katholisch religiöser Muße.pdf

A. Vicini SJ, Posthumanismus in der Populärkultur. Anhaltende Herausforderungen.pdf

Zusammenfassungen des Heftinhalts.pdf

 
 
 
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