Aktuelles Heft Concilium

57. Jahrgang - Heft 2 | Mai 2021

Formen der Synodalität

Michel Andraos, Thierry-Marie Courau OP und
Carlos Mendoza -Álvarez OP

Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und in seinem Geist haben sich synodale Praktiken in der Kirche auf unterschiedlichen Ebenen entwickelt: auf der Ebene der Päpste, in den Diözesen und in den kirchlichen Gemeinschaften. Die Gesellschaft sucht gleichfalls nach neuen Arten des Regierens. Auch Papst Franziskus hat sich bewusst dafür entschieden und engagiert sich für die Entwicklung der Zukunft der katholischen Kirche und der Evangelisation. Er hat eine Synode über die Synodalität für den Herbst 2021 angesetzt. Seine Absicht ist eindeutig der Verzicht auf eine falsche Uniformität, die zur Kontrolle und Machterhaltung diente. Stattdessen will er die Eigenheiten fördern, die der Geist in der Kirche und der Welt von heute hervorbringt. Auf der Suche nach der Wahrheit und indem
man akzeptiert, anderen nicht die eigenen Ideen aufzuzwingen oder sie diskreditieren zu wollen, indem man darauf verzichtet, andere oder irgendetwas anderes zu zerstören, um die eigenen Interessen zu befriedigen, welcher Art sie auch immer sein mögen, erweist es sich als ein großer Reichtum, die Spannungen als Spiel zwischen zwei oder mehreren Polen ohne Konfrontation zu leben, um gemeinsam in kleinen Schritten besser voranzukommen. Dies erfordert eine
Kirche, die der Welt und den Menschen, die sie bilden, zuhört und die so zu Subjekten ihrer Geschichte werden, und zwar jedes ihrer Mitglieder, ohne sie auszuschließen, angefangen bei den Ärmsten, den Bescheidensten, den Vergessenen, indem sie sie vor dem Druck der Mächtigen schützt. Wenn die Aussicht auf eine synodale Kirche weitgehend geteilt zu werden scheint, wie das Dokument von 2018 der Internationalen theologischen Kommission feststellt, dann muss die theologische Arbeit fortgesetzt werden mit dem Ziel, die Prinzipien und die pastoralen Mittel zu klären und die Praxis muss auf
unkomplizierte Art und Weise mit einbezogen werden. Diese Ausgabe von CONCILIUM hat daher das Ziel, dieses essenzielle Ereignis zur Zukunft der katholischen Kirche vorzubereiten und die Initiative des römischen Pontifex praktisch zu unterstützen. Das Heft umfasst drei Themenbereiche: die Einbeziehung einiger praktischer synodaler Erfahrungen der Kirche in der Welt, das Beleuchten von biblischen, anthropologischen und praktischen konkreten Zugängen zur synodalen Wirklichkeit und das Aufzeigen konkreter Perspektiven, um das Leben und die Praxis einer katholischen Kirche, die wahrhaft synodal ist, neu zu begründen und aufrechtzuerhalten. Seine elf Artikel geben offensichtlich nicht vor, eine Situation zu beschreiben und einen umfassenden Vorschlag zu unterbreiten. Es sind Spuren, die dazu einladen, den synodalen Weg ernst zu nehmen, damit er nicht länger ein frommer Wunsch oder das Ideal einer nie gewagten Einheit bleibt, sondern sich effektiv im alltäglichen Leben der Christen und ihrer Kirche verwirklichen
kann. Eine Ermutigung und ein Baustein zur Vorbereitung der nächsten Synode. Der erste Teil eröffnet das Experimentierfeld ausgehend von einigen erfolgre ichensynodalen Praktiken, die jüngst auf lokaler Ebene in Lateinamerika, Europa und Asien stattfanden, ausgehend von der letzten Synode im Jahr 2019 über Amazonien. Celia Rojas Chavez, Schwester der Kongregation vom Göttlichen
Hirten, hat 27 Jahre lang unter den Maya-Völkern der Tzeltal und Tzotzil gelebt und teilt die Früchte ihrer Erfahrungen zwanzig Jahre nach dem Ende der dritten Diözesansynode von San Cristobal de Las Casas in Chiapas (Mexiko). Sie schildert die kirchliche Erfahrung der Synodalität einer autochthonen Kirche im Maya-Kontext. Mitten in einer bewaffneten Auseinandersetzung hat diese Kirche die Option für die Armen und die indigenen Völker Chiapas’ zu ihrem Leitstern gemacht. Indem sie das Instandsetzen von Gerechtigkeit und Frieden als Zeichen des Reiches Gottes wählte, setzte sie eine richtige pastorale Entscheidung ins Werk. Julia Knop, Dogmatik-Professorin an der Universität Erfurt, und Martin Kirschner, Professor für Theologie in Transformationsprozessen der Gegenwart
an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, beschreiben die Methoden synodaler Praxis in der Kirche Deutschlands und ihren Beitrag zur universellen Kirche. In seinem Umgang mit Macht und sexualisierter Gewalt nimmt der Synodale Weg die fundamentalen kulturellen und strukturellen Faktoren zur Kenntnis, die sie ermöglichen oder dazu verleiten. Der Umgang mit Macht und Sexualität, die Lebensweise und das Selbstverständnis der Priester, die Stellung der Frau in der Kirche und die Suche nach einer partizipativen Form der Entscheidung in der Kirche sind im größeren Kontext der weltweiten Mängel zu betrachten, der sich überlagernden Polarisationen und der Gefährdungen, die auf der Kirche und der gesellschaftlichen Einheit lasten. Die indische feministische Theologin Kochurani Abraham, Vize-Präsidentin der Vereinigung Indischer Theologen (ITA), die sich auf dem Gebiet und der Welt der Universität in Fragen der Gerechtigkeit engagiert, unternimmt eine kritische Analyse des Leitmotivs, das »der Pfad der Synodalität« nimmt, die »Gott im dritten Jahrtausend von der Kirche erwartet«, ausgehend vom Standpunkt der asiatischen und insbesondere der indischen Frauen. Das führt sie dazu zu zeigen, dass sich im Herzen des Prozesses, eine synodale Kirche zu werden, Fragen der Menschheit finden. Die Bewegung der christlichen Frauen Indiens, einer autonomen Plattform, die Frauen der christlichen Konfessionen Indiens vereint, wird hier als ein Modell der Synodalität vorgestellt, als eine Praxis, auf eine neue Art
Kirche zu sein. Agenor Brighenti, Forschungsprofessor an der Päpstlichen Universität von Curitiba (Brasilien) und Experte der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz (CELAM) bei den Konferenzen in Santo Domingo (1992) und Aparecida (2007),
Assessor der nationalen Konferenz der Bischöfe Brasiliens, schöpft aus seinen Erfahrungen bei der letzten Amazonas-Synode. Davon ausgehend zeigt er, wie ein synodaler Zugang in der Beziehung des Globalen zum Lokalen sich vollzieht, indem man Universalität als die Überschneidung der partikularen Diversitäten begreift. Als neues Subjekt und neues Paradigma transzendiert Amazonien auf
diese Weise Amazonien. Die Regionalsynode hat planetarische Bedeutung. Die Peripherie hat das Zentrum der Kirche erreicht und Angst und Instabilität erzeugt. Sie ermutigt die Kirche, sich zu dezentralisieren und die Anfragen des Geistes aufzunehmen, die die Kirche heute hauptsächlich aus dem globalen Süden erreichen. Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Wirklichkeit des synodalen Lebens der Kirche aus biblischer, historischer und ekklesiologischer Perspektive. Die Neutestamentlerin, Dominikanerin und Präsidentin der Catholic Theological Union in Chicago (USA) Barbara Reid geht auf Spurensuche nach einer bewusst synodalen und kollegialen Perspektive des Denkens und Handelns der frühen christlichen Gemeinden. Ausgehend von der Apostelgeschichte zeigt sie deren Praxis des gemeinsamen Gebets auf, die Mahlgemeinschaft und das Teilen der Lebens-Mittel und des Engagements in der Mission und Evangelisation. Sie untersucht, wie Bedrohungen der kirchlichen Einmütigkeit durch das Handeln der Gemeindeleiter gelöst wurden, bevor sie auf Wege eingeht, die auf zeitgenössischen Managementmethoden basieren und eine engagierte Synodalitätsdynamik erhellen können. Stan Chu Ilo, Professor für afrikanische Studien und des Welt-Christentums an der DePaul University von Chicago (USA) führt uns ein in die reiche und einzigartige Welt, das soziale und spirituelle Erbe zahlreicher afrikanischer Gesellschaften: das African Palaver. Dies ist die Kunst der Konversation und des Dialogs, der Suche nach einem Konsens mit dem Ziel, eine Entscheidung herbeizuführen und harmonisch in der Gemeinschaft leben zu können. Die afrikanischen Christen verfügen über diese Tradition, um Konflikte zu lösen, die Polarisation in ihren Kirchen über Fragen des Glaubens und der Moral zu
gestalten und ein dynamisches Gleichgewicht zwischen Tradition und Innovation zu erreichen. Das afrikanische Palaver – im Besonderen der ethnischen Gruppe der Igbo in Westafrika – ist ein Beispiel für die Art und Weise, wie eine nicht-westliche Zivilisation Praktiken des Zuhörens, des Erörterns der Wahrheit der Dinge und des Wegs in eine gemeinsame Zukunft entwickelt hat. Dieser Raum, der einem kreativen Dialog zur gemeinsamen Entscheidungsfindung gewidmet ist, wo die Stimmen, die Anliegen und die Ideen eines jeden willkommen sind, könnte modellhaft den synodalen Prozess beschreiben, der der Kirche bevorsteht. Alphonse Borras, emeritierter Professor für kanonisches Recht an der Katholischen Universität Löwen (Belgien) erörtert die Frage, wie eine synodale Praxis ausgehend vom kanonischen Recht und der Theologie der Kirche ins Werk gesetzt werden kann. In dem Bewusstsein, dass viele Katholiken wegen ihrer Teilhabe am demokratischen Gemeinwesen und ihrem kirchlichen Gewissen legitimerweise gehört werden wollen in Bezug auf die Kirche und die Verkündigung des Evangeliums sucht er die Kluft zu überwinden zwischen dem, was nur beratend und dem, was entscheidend wäre. Er spricht sich dafür aus, die durch die Taufe begründete Mitverantwortung im Entscheidungsprozess und die Freiheit des Amtes zu würdigen, indem sie das Maß der Mitverantwortung für den ekklesiologischen Handlungsspielraum vorgibt. Das Feld des kanonisch Möglichen wird damit überschritten durch die Würdigung der
pneumatologischen Dimension der kirchlichen Gemeinschaft. Der dritte Teil bildet den Schlusspunkt und eröffnet die theologischen und pastoralen Perspektiven hinsichtlich der Frage der Leitung der katholischen Kirche mittels einer Synodalität in actu. Er erstellt sozusagen einen Fahrplan. Gilles Routhier, Professor an der Universität Laval in Québec (Kanada), Präsident der Konferenz der katholischen theologischen Institutionen (CICT-COCTI) der Internationalen Vereinigung der katholischen Universitäten (FIUC-IFCU), Spezialist für Ekklesiologie und Praktische Theologie, hat den Akzent schon vor mehr als dreißig Jahren auf diese Frage der Synodalität der Ortskirche gelegt. In seinem Beitrag zeigt er, wie wir durch unsere wiederholten Forderungen Synodalität zum modischen Schlagwort machen und nicht mehr erkennen, dass sie der Kirche selbst eingeboren ist, dass sie ein wesentliches Merkmal und eine Konstituente, ein Ausdruck des Evangeliums selbst ist. Weit davon entfernt, eine bloße Mode zu sein, ist Synodalität selbst ein Erfordernis, denn in ihrem eigensten Grund ist die Kirche aufgerufen, sich ausgehend vom synodalen Prinzip zu verwirklichen und dazu berufen, synodal zu leben. Der Autor lädt sie dazu ein, sich nicht dem Zeitgeist anzupassen, sondern in einer permanenten Umkehr zu werden, was sie schon eigentlich ist. Richard R. Gaillardetz, Professor für systematische Theologie am Boston College (Boston, USA), zeigt auf, wie die Synodalität, ein zentrales Thema des Pontifikats von Franziskus, eine toxische kirchliche Hierarchie infrage stellt. Indem er das theologische Prinzip der Synodalität und die Schlüsselideen des II. Vaticanums überdenkt, erörtert er die Formen, in denen die Synodalität dazu beitragen kann, die charakteristischen Problematiken der Hierarchie und des Klerikalismus in den Amtsstrukturen und der Leitung der Kirche zu behandeln. Die theologischen konziliaren Prinzipien der Synodalität, betont Gaillardetz, eröffnen neue Perspektiven auf den öffentlichen Dienst in der Kirche, ob ordiniert oder nicht, und stellt die aktuelle Form des bischöflichen Amtes in der römischkatholischen Kirche infrage. Aus Santiago de Chile stellt uns Carlos Schickendantz, Professor am theologischen Zentrum Manuel Larraín der Universität Alberto Hurtado, einige ekklesiologische Überlegungen vor ausgehend von einer kritischen Analyse der sogenannten »kopernikanischen Wende« des II. Vaticanums hinsichtlich der Verfassung der Kirche selbst. Anhand von Beispielen zeigt er die systemischen Probleme auf, die sie in ihrer Transformation, zum Sakrament des Heils in der Welt von heute zu werden, behindern. Und speziell, wie im unbegreiflichen Kontext des sexuellen Missbrauchs, der von Klerikern begangen wurde, die Verstrickung der Hierarchie der Institution zu einer Abkehr von einer freundlichen Naivität hinsichtlich der Unschuld der Handelnden führt, die sich ihrer Erneuerung widersetzen. Die pastorale Umkehr erscheint so als ein fundamentales Kriterium
der Synodalität. Schließlich erstellt der dominikanische Theologe und französische Ökumeniker Hervé Legrand, Honorarprofessor am Institut Catholique de Paris, ein Pflichtenheft zur praktischen Umsetzung, indem er für eine Ausbildung in Synodalität plädiert. Der Missbrauchsskandal hat für alle die Dysfunktionalität einer klerikalen Ekklesiologie und Autorität offenbart, die ein Erbe des langen
19. Jahrhunderts sind. Die systemische Krise, die bereits durch die aktuellen schnellen gesellschaftlichen Veränderungen spürbar geworden ist, führt die Theologen und Papst Franziskus dazu, im Aufstieg der Synodalität ein Heilmittel zu sehen. Der Artikel führt eine Serie von Lerninhalten auf, die Laien erlaubt, ihre »Staatsbürgerschaft« in der Kirche dank diverser vorgesehener Räte und in der
Diözesansynode auszuüben. In ihrer Mitte finden auch die Kleriker ihren rechtmäßigen Platz, an dem ihre Berufung und ihre Ordination sie in der Kirche verorten und nicht nur ihr gegenüber aufgrund einer falschen Assimilation an Christus und aufgrund von Befugnissen, die sie nach Belieben ausüben könnten. Das theologische Forum schließt diese Ausgabe mit einem Beitrag von Klaus da Silva Raupp ab, in dem er das Engagement von Papst Franziskus für eine neue Ökonomie vorstellt, von dem seine letzte Enzyklika »Fratelli tutti« sowie sein letztes Werk »Wage zu träumen. Mit Zuversicht aus der Krise« Zeugnis ablegen.
Aus dem Französischen übersetzt von Johannes Bucej

Concilium 2_2021 Inhalt.pdf

J. Knop, M. Kirschner, Der synodale Weg der Kirche in Deutschland und seine weltkirchliche Bedeutung.pdf

B. Reid, Synodales und kollegiales Denken und Handeln im Neuen Testament.pdf

C. Schickendantz, Eine noch ausstehende 'kopernikanische Wende'. Ekklesiologische Reflexionen zwischen Theologie und Recht.pdf

Zusammenfassungen des Heftinhalts.pdf

 
 
 
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