Offen ausgetragenen Streit entdeckt man in der Theologie eher selten. Die Zeitschrift "Lebendige Seelsorge" führt in jedem Heft ein Streitgespräch zu höchst unterschiedlichen Themen. Dazu findet sich jeweils auch ein Interview.

Nun hat der Schriftleiter Erich Garhammer seine Interviews zusammengetragen, überarbeitet und aktualisiert. Die meisten Gespräche wurden ganz neu geführt. Herausgekommen ist ein höchst unterschiedlicher und spannender Blick auf Kirche und Welt. Unter den Blickwinkeln von Spiritualität - Kunst - Sprache - Seelsorge - Einfachheit entsteht eine Fülle an überraschenden Beobachtungen und vielfältigen Anregungen - jeweils ergänzt um ganz persönliche Zugänge zum Thema. Das Buch kulminiert in einem Plädoyer für Einfachheit und ist damit auch eine Hommage an Papst Franziskus und dessen pastoralen Stil. Vorgestellt wurde das Buch Heiße Fragen - coole Antworten am 28. Juni 2016 im Falkenhaus in Würzburg. Hier die Rede von Professor Garhammer:

Viele waren vom Titel des Buches überrascht: verfällt der Meister der Sprache nun in Slang, in Jugend- und Werbesprache, so ihre Anfrage. Ist das eine erste Reaktion auf das Buch von Erik Flügge, das gerade Furore macht: „Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt.“ Genau darum geht es mir nicht, sondern um einen bestimmten Ton: eine Theologie, die große Themen behandelt, muss nicht immer den erhabenen Ton wählen, aber auch nicht den reißerischen. 
Ich übersetze cool mit angstfrei: Eine Gestalt der Kirche geht zu Ende; die Kirche, die mit Angst etwas erreichen und Menschen abhängig halten konnte. Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller sagt von sich, für sie sei Religion nie Trost gewesen, es wurde immer nur gedroht und Schuld verteilt. Darin war Religion mit dem sozialistischen System deckungsgleich. Der einzige produktive Wirtschaftszweig im Sozialismus sei die Produktion von Angst gewesen. Der Geheimdienst sei die einzige Behörde gewesen, die sich um das Individuum kümmerte: um es zu zerstören. Von diesem Klima war auch der Alltag geprägt. „Ich wäre erschrocken, wenn meine Mutter mich plötzlich gestreichelt hätte... Ich glaube, dass man vor unerwarteter Zärtlichkeit genauso, wenn nicht sogar mehr, erschrecken kann als vor erwarteter Gewalt“ (Herta Müller, Mein Vaterland war ein Apfelkern, München 2014, 25). 
Herta Müller fand einen Asylort in der Zärtlichkeit der Sprache. „Das Poetische haben doch nicht die Schriftsteller erfunden. Man muss das Wort ‚poetisch‘ nicht kennen, um poetische Dringlichkeit zu spüren“ (ebd., 90). Solche poetische Dringlichkeit wohnt auch der Glaubenssprache inne. Allerdings muss man sie entdecken und manchmal braucht man dafür ein ganzes Leben. 
So ist dieses Buch eine Entdeckungsreise: es sucht und findet Sympathisanten der Glaubenssprache, wo man sie vielleicht nicht erwarten würde. Im alltäglichen Kirchenbetrieb genauso wie in vielen akademischen und kulturellen Kontexten, die mit Kirche nichts zu tun haben. Man findet nicht nur „Ungläubiges Staunen“ (Navid Kermani), sondern auch gläubiges Staunen und eine Zärtlichkeit im Glaubensausdruck, wenn man Augen und Ohren aufmacht. 
Ein Beispiel ist der Philosoph Paul Ricoeur. 
„Gott soll nach meinem Tod mit mir machen, was er will. Ich verlange nichts, ich verlange kein ‚Danach‘!“, so Paul Ricoeur. Hier trennt sich ein Intellektueller unserer Tage von jeglicher dinglichen Gottesvorstellung, ohne dabei Gott zu verlieren; genauso wie Meister Eckhart vor 700 Jahren. Ricoeur schreibt kurz vor seinem Tod an eine befreundete Frau: 
„Liebe Marie, 
in der Stunde des Niedergangs erhebt sich das Wort Auferstehung. Jenseits der Episoden der Wunder. Vom Grund des Lebens erwächst eine Kraft, die bezeugt, dass das Sein Sein gegen den Tod ist.
Glauben Sie dies mit mir.
Ihr Freund
Paul R.“
(Paul Ricoeur, Lebendig bis in den Tod. Fragmente aus dem Nachlass, Hamburg 2011, 133)
Solche „coolen Antworten“ spürt dieses Buch auf. „Cool“ ist hier der Ausdruck von „Lässigkeit“ im Sinn von Meister Eckhart – des Loslassens von allen Verdinglichungen und geronnenen Ideologien. Eine Kirche, die mit Angst operierte, ist zu Ende, die angstfreie längst Wirklichkeit. Das Handeln von Papst Franziskus beweist es. Diese Kirche zu entdecken braucht allerdings Unterscheidungsvermögen und Scheidung von allen innerkirchlichen Angstszenarien und spätabsolutistischen Drohkulissen.
Wen habe ich bei meiner Suche aufgespürt? Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis zeigt die breite Palette der Autoren:

SPIRITUALITÄT

Thomas Kammerer arbeitet als Seelsorger auf der Intensivstation „Traum-Land“ am Klinikum in Großhadern und sucht eine Sprache für spirituelle Erfahrungen. Ganz bewusst ist nicht von „Trauma-Land“, sondern von Traum-Land. In Träumen ergehen wichtige Botschaften. 
Pater Werenfried begleitet Sterbende und bedauert, dass Menschen oft in der Kirche nicht das Brot finden, das sie brauchen. Sein Ideal von Seelsorge ist der heilige Franziskus: Vorrang hat für ihn der Mensch. 
Marina Kojer, Erwachsenenbildnerin und medizinische Leiterin in der palliativmedizinischen Geriatrie geht bei den Hochbetagten in die Lebensschule. Für die Seele von anderen sorgen kann man ihrer Meinung nach nur, wenn man auch die eigenen Bedürfnisse kennt und ernst nimmt. 
Fritz Roth († 2011) verstand sich als Bestatter als Archäologe einer in Vergessenheit geratenen Trauerkultur. Trauerhaus und Trauerakademie in Bergisch-Gladbach: Er wollte Trauer zurückholen ins Leben: denn Trauer ist die Rückseite der Liebe. 
Mechthild Ritter, die auf der Kinderkrebsstation der Universitätsklinik Würzburg arbeitet, ist überzeugt: von Kindern geht viel Trost aus. Sie sind oft realistischer als die Erwachsenen. 

Erich Garhammer entdeckt bei Literaten viele Funde über die Spiritualität im Altern. So etwa wünscht sich Kurt Marti kein ego-zentrisches Weiterleben nach dem Tod. Denn: „Was immer zu Gott kommt, entfällt sich selbst“ (Meister Eckhart) Gott ist unser Jenseits: das zu glauben genügt. Alles weitere bleibt ihm überlassen. 

KUNST

Reiner Kunze -„im Herzen barfuß“ - steht für eine Poesie der Wahrhaftigkeit: das Wort muss den Menschen mitbringen, aus dessen Mund es kommt. Ein Gedicht ist nichts Elitäres: es öffnet sich, wenn es sich erkannt fühlt. Das Gedicht ist zur Ruhe gekommene Unruhe, nichts Harmloses, kein Sedativum. 
Sibylle Lewitscharoff begreift ihr Schreiben als detektivische Arbeit ohne kriminellen Hintergrund. Ihre Stoffe findet sie im ungezügelten Gedankenflug genauso wie in halbwachen Träumereien. Von der Predigt erwartet sie sich: keine Weichspülrede, kein scheinfröhliches Guts-Muts-Geplapper.
Für Arno Geiger ist Schreiben ein Arbeiten an dem, was mich an der Gurgel packt. Deshalb konnte er über die Demenzkrankheit seines Vaters schreiben und ihm den Würdetitel zusprechen: „Der alte König in seinem Exil“. 
Für den Videokünstler Christoph Brech ist die Wahrnehmung entscheidend: welcher Geruch liegt in der Luft - was höre ich – fühle ich mich wohl – welche Gespräche reichern einen Raum an? Rom war für ihn eine Offenbarung, die äußere Entsprechung eines inneren Zustandes. Er hat auch die Bilder im Buch beigesteuert. Unbedingt sehen sollten Sie seine Ausstellung im Bayerischen Nationalmuseum in München „Überleben“, die noch bis 4. September läuft. 
Franziska Loretan-Saladin, Homiletikausbilderin in Luzern, sucht nach einer neuen Gangart der Sprache. Sie wagt schreibend und predigend „Ich“ zu sagen.

Erich Garhammer entfaltet den Über – fluss der Kunst: sie fließt über, prägt das Verhalten von Menschen und kann auch Seelsorgerinnen und Seelsorger inspirieren. 

SPRACHE

Für Christiane Florin, Journalistin aus Leidenschaft und neuerdings Radiomacherin, gilt: Hinsehen, hinhören, eher die Buckelpisten befahren als das leicht zugängliche Gelände. Kirchliche Amtsträger bauen oft Brücken, wo gar kein Fluss ist. Die Stimmung auf der Synode in Rom, bei der sie mit dabei war, beschreibt sie so. „Die Synodenväter waren regelrecht berauscht von sich selbst. Sie wirkten wie Kleriker auf Klassenfahrt, die dem Lehrer Franz eine Freude machen wollten.“ 
Andreas Knapp plädiert für eine Mystik der Aufmerksamkeit, Regelmäßigkeit und Geduld und empfiehlt den Seelsorgerinnen und Seelsorgern innere Quellen, um lange Wege gehen zu können. 
Bruno Jonas wurde vom Transrapid-Beter der Ministrantenzeit zum Transrapid-Sprecher des Kabaretts. Auf seinem Spickzettel für Prediger würde stehen: „Du sollst nicht langweilen! Nimm das Pathos aus Deiner Stimme raus! Spiel nicht den Jenseitsberater!“ 
Hans Maier erzählt von seinen Erfahrungen als Politiker: man schießt wie eine Kugel durch’s Land. Nicht immer zum Vorteil für die Betroffenen. Seine Sprache beschreibt er als Suche nach Helle, Durchsichtigkeit und Anmut, Verständlichkeit. 
Christine Schrappe wünscht sich als Predigthörerin von den Predigern, dass sie die Fremdheit der Texte nicht in der Aktualität des Heute auflösen; sie fühlt sich beschenkt, auch und gerade wenn eine Predigt beunruhigt, nicht alle Fragen löst. Vor allem aber wünscht sie sich auch die frauliche Stimme und die Erfahrungen von Frauen bei der Predigt. 

Für Erich Garhammer ist Predigt nicht die feierliche Beerdigung des Wortes Gottes, sondern ihre Inszenierung im Jetzt. Dafür braucht es eine sensible Sprache. Bei Literaten kann man sie entdecken. 

SEELSORGE

Für Rainer Bucher impliziert Pastoral eine Verabschiedung des nach-tridentinischen Herrschaftskonzepts der Überschaubarkeit und der Kontrolle. Angemessene Grundhaltungen für heute sind Erreichbarkeit, Zugänglichkeit und Antreffbarkeit. Kirche muss sich wählbar machen in einer Zeit der Multioptionalität. 
Thomas Schüller ist der Überzeugung, dass die Kirche in Deutschland vom positiven Image von Papst Franziskus noch nicht profitieren kann. Zu sehr ist sie noch verstrickt in der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals und der Limburger Erfahrungen. Der Weg der Transparenz in beiden Fragen ist für ihn unverzichtbar. 
Für Paul Michael Zulehner ist die Echtheit von Papst Franziskus beeindruckend. Er lebt das Evangelium und geht in der Spur des Zweiten Vatikanischen Konzils. Er ist so etwas wie der Weltpfarrer der Kirche und macht ihr deutlich, sie braucht starke Spiritualität und diakonale Qualität. 
Kardinal Karl Lehmann plädiert für eine spirituelle Ökumene. Diese kann allerdings nur glücken, wenn sie aus einem Vorschuss an Vertrauen handelt und fähig ist zu einem kalkuliertem Sprung- so wie Papst Franziskus beim Besuch der evangelischen Gemeinde in Rom. 
Hadwig Müller wirft im Abstand von zehn Jahren zwei Blicke auf die Kirche in Frankreich: 2004 und 2015. Für die Kirche in Frankreich ist der Akt des Vertrauens charakteristisch. Dazu gehören die Nähe zu den Menschen, von der sich häufig die Kirche selbst entfernt hat sowie ein neues Vertrauen in die Verheißungen der Bibel. 

Erich Garhammer begibt sich in die Sehschule von Literaten und Literatinnen und entdeckt mit ihnen zusammen neue Wege von Seelsorge. 

EINFACHHEIT

Entscheidend ist für Francis D’Sa die Wertschätzung der einzelnen Kulturen. Im nachsynodalen Schreiben von Papst Johannes Paul II. „Ecclesia in Asia“ finden sich keine Metaphern oder Redensarten asiatischer Herkunft oder Stimmen von einheimischen Schriftstellern. Ganz anders dagegen die Sprache von Papst Franziskus. 
Elmar Klinger sieht den Schwachpunkt der Kurie aktuell in der Glaubenskongregation. Sie vertritt immer nur den eigenen Standpunkt, nie eine Außenperspektive. Das Konzil ist in ihr zwar formal anerkannt, aber es wird inhaltlich nicht zur Geltung gebracht. Papst Franziskus dagegen steht auf dem Boden des 2. Vatikanischen Konzils- inhaltlich und formal. 
Marlies Eckholt betrachtet die Wahl von Papst Franziskus als „Ereignis des Geistes“. Er verkörpert in seiner Person den Katakombenpakt, die Verpflichtung zur Armut. Er geht an die Wurzeln des Evangeliums, so dass Einfachheit und Schlichtheit keine Strategie sind, sondern der Ausdruck seines Glaubens. Er geht in der Spur des armen Jesus. 
Michael von Brück ist überzeugt, dass wahre Religion zur Angstfreiheit führt. Angstfrei kann ich nur dann sein, wenn ich gewiss bin, dass alles von der guten Kraft Gottes durchwirkt ist. Bei aller Verschiedenheit von Religion geht es letztlich um Identitätspartnerschaft in der Angstfreiheit. 
Bärbel Ackerschott ist Leiterin des Notel in Köln, einer Notschlafstelle für Obdachlose und Drogenabhängige. Es ist ein Fünfsternehaus. Drei Sterne davon lauten: absichtslose Gastfreundschaft, Erfahrung des göttlichen Gratis und Gebetsgemeinschaft. Die Grunderfahrung lautet: das Leben ist stärker als der Tod.

Ich beschreibe die Haltung der Einfachheit bei Papst Johannes XXIII. Diese Einfachheit war nicht nur zu Zeiten des Zweiten Vatikanischen Konzils ansteckend und inspirierend, sie inspiriert bis heute Künstler genauso wie der Kirche Fernstehende. Anliegen des Buches ist Resonanzfähigkeit: Es gibt nichts wahrhaft Menschliches, was nicht Widerhall finden könnte im Leben der Christen, so formuliert es die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“.

Am Schluss möchte ich Danke sagen: an den Echterverlag, dass dieses Buch möglich war, aber auch an meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Lehrstuhl für Pastoraltheologie.

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