Bild für Homepage05_2019 Vom Zauber des Erzählens

Narrative inspirieren unseren Alltag. Dieses Heft führt an faszinierende Orte – in den kleinen Geschichten und großen Erzählungen, von der Narrativen Theologie über Storytelling bis zu Märchen und Fantasy.

EDITORIAL

Wustmans HildegardLiebe Leserin, lieber Leser,

das Erzählen boomt. Storytelling ist ein Renner unter den Managementkursen. Eine ganze Kleinkunstszene reaktiviert den Zauber des Erzählens. Werbeleute, Fotografinnen und Köche, die etwas auf sich halten, lassen ihre Produkte, Bilder und Gerichte Geschichten erzählen. Und der Begriff der Narrative hat längst den Intellektuellenjargon verlassen und ist in die politische Alltagsprache gewandert: Europa, so heißt es zum Beispiel, brauche dringend ein neues Narrativ.
Diese Konjunktur des Erzählens lässt in neuer Weise nach dem alten „Funkelstein“ (A. Stock) der arrativen Theologie fragen, den Harald Weinrich 1973 vorgelegt und um den Johann B. Metz dann einen „magisch-apologetischen Kreis“ gezogen hat: „Und da liegt das glitzernde Oxymoron nun seit Jahr und Tag und verführt die Theologen, die praktischen vor allem, zu allerlei Aktivitäten“ (A. Stock). Es lohnt sich, dieses Konzept in die Gegenwart zu stellen und Kirche als eine entsprechende „Erzählgemeinschaft“ (J. B. Metz) zu konzipieren: „Es ist notwendig, dorthin zu gelangen, wo die neuen Geschichten und Paradigmen entstehen“ (Papst Franziskus).
Dieses Heft (ver)führt an faszinierende Orte der „Erzählbarkeit des Lebens“ (A. Nassehi) in den kleinen Geschichten und „großen Erzählungen“ (J.-F. Lyotard) unserer Zeit – bis hin zu Game of Thrones. Story.one beschreibt, worum es geht: „Wir bringen das Lagerfeuer zurück in die Mitte der Gesellschaft.“
Die Chemnitzer Seite aufstand-der-geschichten.de zeigt, wie politisch das in einer von „instrumentellen Erzählern“ (B. Pörksen) polarisierten Zeit sein kann, deren Framing sich um keine Fakten mehr schert: „Das Ziel ist Wirkung, nicht Wahrheit“ (B. Pörksen).
Nichts schafft offenere Identitätskonstruktionen, als bei einem Kaffee oder einem Bier die eigene Geschichte zu erzählen. Und nichts ist spannender, als dann auch die Geschichte des Anderen zu hören. Solchermaßen gewürdigtes Leben ist ein Schatz: „Menschen sind die Worte, mit denen Gott seine Geschichten erzählt“ – dieser Satz von Edward Schillebeeckx hat es für meine Frau und mich sogar zum Trauspruch gebracht. Aber das ist eine andere Geschichte…
Ihr
Prof. Dr. Christian Bauer

pdfLS_6_2019 Inhalt.pdf
pdfLS_06_2019 Wenzel, Narrative Theologie revisited.pdf

­